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24. October 2017

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Goldene Nase für Doppelgänger

Goldene Nase für Doppelgänger© piqs.de/schlappohr

Plagiate haben immer Saison: Der „Plagiarius“ – ein Preis, der die dreistesten Produktkopierer auszeichnet.

Wenn der „Plagiarius“ vergeben wird, wimmelt es von Doppelgängern nur so. Denn der Preis wird Unternehmen verliehen, die auf besonders dreiste Art existierende Produkte nachbauen. Zu gewinnen gibt es Gartenzwerge mit goldener Nase.

Schäden in Milliardenhöhe

Die Hersteller kommen typischerweise aus Fernost. Verantwortlich für die Plagiate sind meist andere – nämlich die Auftraggeber. Dieser ist oft der europäische oder amerikanische Konkurrent, der ein Produkt beispielsweise in China oder Taiwan billig nachmachen lässt, um es in Europa zu vermarkten. „Es ist daher wichtig, die Wertschöpfungskette, alle am Prozess Beteiligten, zu überprüfen und gegebenenfalls abzumahnen“, so die Preisverleiher. Die Europäische Kommission schätzt, dass sieben bis zehn Prozent des Welthandels Fälschungen und Plagiate sind.
Der weltweite Schaden wird auf 200 bis 300 Mrd. Euro pro Jahr geschätzt. Mehr als 200.000 Arbeitsplätze werden gleichzeitig vernichtet. Die Bekämpfung dieser Wirtschaftskriminalität hat sich der Verein „Aktion Plagiarius“ auf die Fahnen geschrieben. 1977 entdeckte Professor Rido Busse, Designer und Gründer von Busse Design Ulm, zu seiner Überraschung auf einem Messestand in Hongkong ein exaktes Plagiat der von ihm entworfenen Briefwaage 8600 der Firma Soehnle- Waagen – angeboten zu einem Bruchteil des Originalpreises, aber auch in deutlich schlechterer Qualität. Das Original war 1965 von Soehnle auf den Markt gebracht worden. Verkaufspreis im Laden: 26 deutsche Mark. Der Hersteller aus Hongkong bot das Plagiat billiger an: sechs Stück für 24 Mark! Die Ähnlichkeit der Produkte war rein äußerlich. Statt hochwertigem ABS-Kunststoff verwendete der Plagiator Polypropylen, was die Wiegegenauigkeit beträchtlich beeinflusste. Soehnle erwirkte eine einstweilige Verfügung. Der Plagiator musste die Waage von seinem Messestand entfernen und sich verpflichten, den Vertrieb zu unterlassen. Allerdings hatte er da schon über 100.000 Stück verkauft. Nach zwei Monaten bot ein anderer Hongkong-Exporteur dasselbe Modell auf dem deutschen Markt an – wieder einstweilige Verfügung, wieder Unterlassungserklärung. Doch nur wenig später kam bereits der nächste Plagiator nach Europa. Busse beschloss, durch die Vergabe eines Negativpreises die Öffentlichkeit sowie den Gesetzgeber auf den Missstand aufmerksam zu machen und über negative wirtschaftliche Auswirkungen von Fälschungen aufzuklären. So kam es, dass der „Plagiarius“ jährlich auf der Frankfurter Messe „Ambiente“ verliehen wird. Symbol ist der schwarze Zwerg mit der goldenen Nase. „Für den Plagiarius 2006 gab es nicht weniger als 60 Einreichungen“, führt Christine La croix vom Verein „Plagiarius“ im Gespräch mit economy aus. Wer einen der wenig begehrten Preise abstaubt, wird sich erst am 10. Februar weisen. Der Preis stößt mittlerweile auf großes Medieninteresse.

Dem Preis folgt die Strafe
Einige Plagiatoren würden ihr unfaires Verhalten zugeben und suchen eine Einigung mit dem Original-Hersteller – durch Zahlung einer Lizenzgebühr, Entfernung des Plagiats vom Markt oder Schadenersatzzahlung. Seit 1977 haben sich die Bedrohungsszenarien durchaus gewandelt. „Waren es früher nur handliche, greifbare Produkte, die in Plagiats- Ausführungen auf den Markt kamen, ist die Palette heute viel breiter“, erklärt Lacroix. „Es gibt Produkte, die wir gar nicht zur Preisverleihung mitnehmen können – wie ganze Maschinen oder Anlagen.“ Gleichzeitig geht es vermehrt um das Abkupfern geistigen Eigentums. Unter den Einreichungen fi ndet sich unter anderem der Quellcode einer Software. Plagiatoren kopieren nur erfolgreiche Produkte, für die Nachfrage besteht, und sparen sich so die Kosten für Forschung und Entwicklung sowie fürs Marketing. „Häufi g verwenden sie billige Materialien, sodass die Qualität deutlich schlechter ausfällt und der Käufer nicht lange Freude am vermeintlichen Schnäppchen hat. Je nach Produkt kann die schlechte Qualität sogar lebensbedrohliche Auswirkungen haben“, so der Verein „Plagiarius“. Letzteres treffe bei Medikamenten, Ersatzteilen oder Spielzeug zu.

Ausgewählter Artikel aus Printausgabe 02/2006

Hannes Stieger, Economy Ausgabe 02-01-2006, 09.02.2017