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14. August 2018

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Vier Szenarien für die Zukunft

Vier Szenarien für die Zukunft

2030 werden die Österreicher zu 31 Prozent über 60 sein. Das wissen wir schon heute. Doch wie viele Migranten zuziehen und uns Ein­heimische verjüngen werden, hängt von Politik und Wirtschaft und vielen Eventualitäten ab.

Die junge Familie – Mann, Frau und zwei kleine Kinder – wohnt in einer günstigen, aber eher zu kleinen Wohnung in Wien. Dann kündigt sich ein drittes Kind an. Und neben den Querelen wegen des knappen Wohnraums erstarkt die Sehnsucht nach Idylle, nach spielenden Kindern im Garten, nach Erlösung von der Gemma-in-den-Park-Raunzerei der Kinder – oder von einem selber, weil man die kleinen Kerle endlich müde machen will.
Ein eigenes Haus mit Garten ist der Traum vieler Menschen, besonders auch vieler Neo-Wiener, die als Kind auf dem Land aufgewachsen sind und die damals genossene Freiheit nun ihren Kindern ermöglichen möchten. Und im Sommer will der Mann grillen, und die Frau will im Liegestuhl ihren Krimi lesen.

Erst Stadtflucht ...
Gemäß einer Bevölkerungsprognose der Österreichischen Raumordnungskonferenz und von Statistik Austria wird die Bevölkerung in Wien und Umland bis 2030 um 15 bis 33 Prozent steigen. Auch für Graz, Linz und Bregenz wird ein ähnlicher Bevölkerungszuwachs prognostiziert. Bereits von 1961 bis 2001 haben sich 15 Gemeinden rund um Wien verdoppelt bis verdreifacht. Circa 60 Gemeinden sind in dieser Zeit zwischen 30 und 100 Prozent gewachsen.
Also sucht unsere junge Familie ein Haus oder einen Baugrund im Umkreis von Wien. Je mehr in den begehrten Regionen im Wienerwald oder im Süden, desto teurer. Je weiter weg, desto mühsamer die tägliche Pendelei. Aber angenommen, sie wird fündig, es ist ein Haus mit Garten, nur eine halbe Stunde zum Arbeitsplatz, und es gibt auch einen Bahnanschluss.

... dann Dorfflucht
Nun lebt die Familie also in Biedermannsdorf. Nichts gegen Biedermannsdorf. Es ist eine durchschnittlich hübsche, 3340 Einwohner große Gemeinde im Süden von Wien, nahe der Shopping City Süd und doch irgendwie schon im Grünen. Biedermannsdorf ist bloß das Dorf, mit dem der Demograf Rainer Münz die Bevölkerungsentwicklung Österreichs pointiert illustriert. Was macht denn ein Dorf aus? „Überschaubarkeit, Kommunikation zwischen fast allen Bewohnerinnen und Bewohnern und Identität – alle haben ihren Platz“, so Münz. Aber auch: „Hierarchie, soziale Kontrolle, eingeschränktes Privatleben, Leiden unter klar zugewiesenen Rollen.“ Weshalb viele Jugendliche nach Schulabschluss in eine Stadt ziehen – nicht nur, weil es dort Universitäten, mehr Jobs und mehr Freizeitmöglichkeiten gibt, sondern weil sie Dorfflüchtlinge sind. Wenn die Kinder weg sind und die Versorgung des nun zu großen Hauses samt Garten mehr Belastung als Freude ist, wird die Stadt für die (klein-)kinderlosen Paare erneut attraktiv. Was in mobilen Gesellschaften wie in den USA emotional kein Problem ist – das unpassende Haus zu verkaufen – ist in Österreich bislang ungewöhnlich.
W o unser Paar 2030 leben wird, ist nicht abzusehen. Die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung liegt bei 50 Prozent. Sie gehen vielleicht nach Wien zurück, einzeln oder gemeinsam. Für ältere Menschen haben Städte Vorteile. Die medizinische Versorgung ist besser, und man ist, wenn man nicht mehr Auto fahren kann, mobiler. Doch das ist gegenwärtig gedacht. In 40 Jahren könnte sich das Einkaufen erledigt haben, weil alles zugestellt wird. Das Autofahren geht vielleicht vollautomatisch.
Spekulativ sind auch Visionen über Österreich im Jahr 2030 – das ist in 20 Jahren, also bald. Im Auftrag der Österreichischen Raumordnungskonferenz haben die Ziviltechniker Rosinak & Partner Szenarien der räumlichen/regionalen Entwicklung Österreichs im europäischen Kontext verfasst und dabei vier Szenarien entwickelt.

Alles Wachstum
Hier wird angenommen, dass 2030 die EU eine starke Institu­tion mit gemeinsamer Politik ist. Die Balkanländer und die Türkei sind Mitglieder. Österreich ist Spitzenstandort für forschungs-, technologie- und innovationsorientierte Betriebe. Die mehrsprachigen Kinder der ehemaligen Migranten sind Motor der Exportindustrie. Mütter sind berufstätig, die Menschen gehen später in Pension, und 1,5 Mio. Menschen wandern zu. Das erfordert forcierten Wohnbau, vorwiegend Wohnanlagen als Passivhäuser. Nur Wohlhabende leisten sich Einfamilienhäuser. Hohe CO2-Steuern haben einen Innovationsschub bei Autos und Flugzeugen ausgelöst. Im Tourismus ist Österreich Profiteur des Klimawandels. Berge und Seen werden zu Zufluchtsorten für Hitzeflüchtlinge. Die Landwirtschaft produziert Biolebensmittel.
Internationale Eingriffe machten diese Entwicklung möglich: Der Welthandel hält sich an ökologische und soziale Standards, internationale Klimaverträge geben CO2-Reduktion vor, die EU hat strenge Energieeffizienzstandards.
Die Stadtkerne sind Prestigestandorte für Unternehmen und Aufsteiger; Studenten und Künstler ziehen in billigere Bezirke und verdrängen die Migranten, die wiederum in Gemeindebauten und Gewerbegebiete ziehen. Der ländliche Raum entwickelt sich dynamisch.

Alles Risiko

Bis 2020 ändert sich nichts. Die EU bleibt Wirtschaftsunion, es gibt keine Erweiterung, die UNO ist schwach, es gibt keine Klimapolitik. Dann kommt ein massiver Energiepreisschock, die Energiepreise verdreifachen sich. Die energieintensive Papier- und Stahlindustrie wandert ab, Österreich forciert die energetische Biomassenutzung. Land- und Forstwirtschaft sind Krisenprofiteure. Doch der ländliche Raum stagniert, da Mobilität zum Luxus wird. Die Bevölkerung lebt in den Städten, die Betriebe siedeln sich nur dort an. Wegen der restriktiven Zuwanderungspolitik bleibt die Bevölkerung konstant, das Wirtschaftswachstum ist gering.

Alles Wettbewerb
Freihandel ohne ökologische Standards setzt sich durch. Die EU ist eine Wirtschaftsunion und nimmt neue Länder auf, macht jedoch keine gemeinsame Politik. Wettbewerb dominiert, Monopole fallen, der Markt beherrscht auch Gesundheit und Bildung. Starke Differenzierung von Wohlhabenden und Working Poor findet statt. In der Landwirtschaft dominieren große Betriebe; Bergbauernhöfe werden an Klimaflüchtlinge vermietet. Die Stadtkerne sind Prestigeorte, außen gelegene Stadtviertel sind für die Working Poor und entwickeln sich zu gefährlichen Gebieten.

Alles Sicherheit
Die EU stärkt sich nach innen, hat hohe Kompetenzen, die Nationalstaaten verlieren an Bedeutung. Sicherheit, Stabilität, Umweltschutz sind die dominierenden Werte. Das Wirtschaftswachstum in der EU ist stabil, aber niedrig. Die Geburtenrate bleibt niedrig, die Zuwanderung restriktiv. Der Traum vom Einfamilienhaus verblasst, beliebt sind Eigentumswohnungen. Die Mobilität ist klimafreundlich, Biolebensmittel boomen europaweit.
Doch nichts ist vorhersehbar. Extremereignisse können jede schön geplante Zukunft, jede perfekt scheinende Politik durcheinanderwirbeln. So eine Wild Card ist der Ölsee im Golf von Mexiko. US-Präsident Barack Obama war gerade dabei, trotz Bedenken den Ölgesellschaften eine Ausweitung von Off-Shore-Bohrrechten zu gewähren. Dann kam der große Oilspill. Als Folge könnte in den USA erstmals die Bereitschaft für eine wirklich neue Energiepolitik entstehen.
Einige Szenarien für Österreichs Entwicklung nehmen eine hohe Zuwanderung an, andere eine restriktive Einwanderungspolitik. Experten sehen angesichts der Überalterung der österreichischen Bevölkerung eine hohe Zuwanderung als notwendig für die Pensionssicherung an. Rainer Münz, Leiter der Forschungsabteilung der Erste Bank, tut das nicht. In erster Linie müsse das tatsächliche Pensionsantrittsalter angehoben werden. Münz war von 2008 bis Mai 2010 im „EU-Weisenrat zur Zukunft der EU“. Dabei wurden spannende Ideen entwickelt: Da unbeschränkte Einwanderung nach Europa ohne Rücksicht auf Qualifikationen nicht sinnvoll sei, könnte die EU steuernd eingreifen. Etwa, indem sie technische Universitäten in Ländern wie Marokko finanziert. Die Absolventen würden später in die EU einwandern oder aber die Entwicklung im betreffenden Land vorantreiben. Was in jeder Hinsicht gut wäre.

Economy Ausgabe 85-06-2010, 25.06.2010