Unabhängiges Magazin für Wirtschaft und Bildung

22. Mai 2019

Search form

Search form

Die Ambivalenz in der Exzellenz

Die Ambivalenz in der Exzellenz©piqs.de/Woodley Wonderworks

Bei einer vielbeachteten Veranstaltung der Donau-Uni Krems erörtern Spitzenforscher das Thema wissenschaftliche Exzellenz und die Auswirkungen auf Förderungen. Mehrere Wissenschafter kritisieren eine oftmals irrationale Ambivalenz in der Beurteilung von Exzellenz.

„Exzellenz in der Wissenschaft ist ein vielstrapazierter Begriff, der die hohe Qualität, die eigenständige Leistung basierend auf hohem Standard an Ausbildung und Training, sowie Talent als Voraussetzung abbildet. Zugleich wird Exzellenz von außen durch Rankings, Impactfaktoren, Forschungsfinanzierungen und genereller Reputation gemessen“, so Stefan Nehrer, Dekan der Fakultät für Gesundheit und Medizin an der Donau Uni Krems, in seiner Eröffnungsrede anlässlich der Veranstaltung „Scientific Excellence – Focus on Medical Sciences“.
„In Österreich werden in etwa 3,2 % des BIP in die Forschung investiert“, erläutert Michael Brainin, Leiter des Departments für Klinische Neurowissenschaften und Präventionsmedizin an der Donau-Universität Krems. Im internationalen Vergleich befinde sich Österreich damit im europäischen Spitzenfeld. Nur Schweden und die Schweiz investieren mehr in die Forschung, so der Spezialist für Neurowissenschaften.

Irrationale Ambivalenz bei Beurteilung von Exzellenz
Die Entscheidung, ob ein Forschungsprojekt förderungswürdig ist und somit allen Exzellenz-Kriterien entspricht, ist schwierig. Hans Lassmann, Neuroimmunologe und Gründungsdirektor des Zentrums für Hirnforschung an der Universität Wien, zeigte an Hand von zwei Beispielen, dass nicht alle bahnbrechenden Forschungsprojekte identifiziert und finanziert werden.
Die Forschungsarbeit von Stanley Prusiner, der zeigte, dass Eiweißmoleküle (Prionen) infektiös sein können, wurde von Beginn an gefördert, während die Forschung von Luc Montagnier über Retroviren 20 Jahre lang kaum Beachtung fand. Erst als man auf Basis seiner Grundlagenforschung das HI-Virus entdeckte, fand seine Forschung Beachtung.

Neue Regularien zur Entscheidungsfindung
Wer entscheidet also, ob ein Forschungsprojekt exzellent und somit förderungswürdig ist? Hans Lassmann zeigte, dass Forschungsprojekte nach retrospektiven und prospektiven Kriterien beurteilt werden. Schlussendlich entscheide eine – immer auch subjektiv beeinflusste – Einstufung durch internationale Gutachter, ob ein Projekt gefördert wird.
Lassmann plädierte in diesem Zusammenhang für eine sorgfältige und zeitaufwendigere Analyse der Erfolge und Vorhaben von Forschern. Die Auswahl der Experten müsse kritischer erfolgen und Evaluationen von Projekten und Institutionen sollten seltener, aber gründlicher sein. Außerdem sei es wichtig, mehr Forschungsprojekte zu fördern, denn Raten von fünf Prozent, wie sie bei manchen Ausschreibungen üblich seien, ermöglichen keine objektiven Förderentscheidungen.

Exzellenz bedingt Humanität
Jürg Kesselring, ehemaliger Chefarzt der Neurologie des Rehabilitationszentrums Valens in der Schweiz und Mitglied des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, stellte die Humanität in den Mittelpunkt seines Vortrages. Humanität sollte die Grundlage jeder Forschung darstellen, erst dann könne man über gute oder exzellente Forschung diskutieren, so der Neuroexperte.
In der Forschungsarbeit des Roten Kreuzes etwa stehen nicht das Sammeln von Daten, sondern andere Forschungsfragen im Mittelpunkt. Zum Beispiel, wie man mit Mitmenschen umgehen sollte oder welche Geschichten hinter einer vermissten Person stecken. Auch hier seien Qualitätsstandards sehr wichtig, wie bei der Auswahl der Experten für die jeweiligen Einsatzgebiete, so Kesselring. Wissenschaftler sollten sich somit auch mit der Frage beschäftigen, wie man Humanität umsetzen kann, denn Exzellenz bedinge auch Humanität.

Organherstellung über Stammzellen
Zum Abschluss der Vortragsreihe referierte Harald Ott, M.D., Laboratory für Organ Engineering and Regeneration der Harvard Medical School und Harvard Stem Cell Institute, über das Thema Exzellenz in der Anwendung im Bereich Tissue Engineering und Organregeneration. Seine Forschung verfolgte verschiedene Ansätze, um artifizielle Organe mit Hilfe von Stammzellen herzustellen. Trotz Überwindung vieler Hindernisse ist der Forschungsansatz jedoch noch nicht klinisch anwendbar.
Dies warf die Frage auf, ob Exzellenz für sich alleine stehen kann oder ob exzellente Forschung immer anwendbar sein muss. „Grundlagenforschung ist die Voraussetzung jeder Anwendung und der Weg in die Anwendung ist zumeist ein sehr langer. In der heutigen Zeit ist der Druck aber sehr hoch, rasch Resultate zu erzielen“, so Ott in einem abschließenden Statement.

Links

red/cc, Economy Ausgabe Webartikel, 21.02.2019