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16. October 2019

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Der unermessliche Schaden eines Videos

Der unermessliche Schaden eines Videos© privat

Zerstörtes Vertrauen, Medienkritik, keine Kollegialität für Christoph Dichand und eine bürgerliche Forderung an die Politik. Ein Gastkommentar von Roland Ernst Nikitsch anlässlich der aktuellen politischen Krise in Österreich.

Das hätte es früher nicht gegeben. Ich ertappe mich dabei diesen Satz zu denken - obwohl ich weiß, dass er nicht stimmt. Ein möglicher Reflex als Versuch mich vor unfassbaren Enttäuschungen zu schützen, um irgendwie den Glauben aufrecht erhalten zu können, dass es auch anders geht. Nämlich: besser, ehrlicher, anständiger, moralisch integer.

Vertrauen in Politik und Medien
Nun, tatsächlich hätte es so etwas früher nicht gegeben. Aber nicht, weil die Welt, Politiker oder Menschen generell anständiger gewesen sind, sondern weil die Technik zur Durchführung zu teuer, schwerer verfügbar und handhabbar war als es heute der Fall ist. Der moralische Schock sitzt trotzdem tief, viele Fragen beschäftigen mich rund um die letzten Stunden. Die wichtigste Frage ist: Wie kann ein Vertrauen, ein Glaube, eine Hoffnung von Bürgern in eine Institution wie die Politik und in Institutionen wie Medien als viel beschworene 4. Gewalt im Staat wiederhergestellt werden?

Die gesamte Politik nimmt Schaden
Egal welche politische Gesinnung man haben möge, der eigentliche Schaden liegt nicht im Umstand „WER“ hier gefilmt wurde, sondern in der Tatsache „WAS“ hier gefilmt wurde - und vielleicht auch in der Frage „WER gefilmt hat“. Ich befürchte, würde man heute die Österreicher befragen, ob es sich hier um eine ausschließlich einer Partei zuzuordnende Unmoral handelt - die Antwort wäre ein klares „Nein“. Der Schaden besteht darin, dass man solches Verhalten heute leider nahezu allen politischen Parteien zutraut. Und vielmehr noch wird die verbreitete Vermutung unterstützt, dass das ALLE mehr oder weniger so handhaben würden, man ließe sich eben anderswo nur nicht erwischen.

Die eigentliche mediale Geschichte
Die Medien betreffend ist deren Mitschuld keine punktuelle, die sich nur an diesem speziellen aktuellen Vorfall festmachen ließe. Die Mitschuld liegt weit in der Vergangenheit. In einer Art der Berichterstattung, die weniger an Aufklärung interessiert ist, als an schnellen und primär möglichst emotional aufmerksamkeitsheischenden Schlagzeilen. Die Frage „Was ist die Geschichte?“ wird nicht mehr gestellt. Die aktuelle Schlagzeile ist ein Vizekanzler, der zu einem Zeitpunkt als er dieser noch nicht war, mit einem Kollegen dabei heimlich gefilmt wird, wie er unmoralische und verwerfliche Dinge von sich gibt. Die Geschichte ist auch nicht der Inhalt des Videos, die Geschichte ist vielmehr die Frage: Ist das alles überhaupt möglich und passiert das alles nicht schon die ganze Zeit irgendwie und irgendwo?

Keine Aufmerksamkeit für Hintergrund
Dieser „Geschichte“ - nämlich der Frage nach dem „Möglichen“, das hinter so manchen Vorfällen steckt - haben die Medien in den letzten Jahren zu wenig bis keine Aufmerksamkeit geschenkt. Und um heraus zu finden, ob das alles „nur“ ein FPÖ-Spezifikum ist, dafür ist es heute wahrscheinlich zu spät. In den Köpfen und Herzen der Menschen entwickelt sich eine Eigendynamik und eine eigene Realität, die von solchen Videos nur befeuert wird. Die Frage, wie ein derart brisantes Video über 2 Jahre „unter Verschluss" gehalten werden konnte, gleichzeitig aber der Verdacht entsteht, dass der Inhalt dieser Aufzeichnungen einem „erlauchten“ Kreis schon viel länger bekannt war und der Umstand, dass es ganz offensichtlich jemanden gibt, der über den Zeitpunkt der Veröffentlichung entscheiden kann und dieser „Jemand“ KEIN Medienvertreter, kein Journalist zu sein scheint ist - zumindest für mich - schockierend.

Fragen an österreichische Medienmacher
Warum? Weil es immerhin noch einen journalistischen Ehrenkodex gibt, an den ich glaube. Egal welche Fehlentwicklungen es naturgemäß auch unter dieser von Menschen besetzten Berufsgruppe immer gibt und geben wird. Vor allem in Zeiten von „Fake News“ und des generellen Verdachts von beeinflussenden Eingriffen Dritter in die Wahlen souveräner demokratischer Staaten. Die Frage, warum man es vorzog eine österreichische innenpolitische „Bombe“ in Deutschland platzen zu lassen und nicht im eigenen Land über österreichische Medien, ist eine Frage, die sich aktuell jeder österreichische Medienmacher stellen müsste.

Fehlendes Vertrauen in mediale Unabhängigkeit und Wirkung
Ist das Vertrauen in die Unabhängigkeit der österreichischen Medien sogar bei jenen, die solche Videos produzieren so gering, dass man befürchtet, dass die Veröffentlichung durch politische Einflussnahme auf Redaktionen in Österreich verhindert werden könnte? Oder vermutet man eine zu geringe Wirkung dieser österreichische Medien, dass es zu wenig politischen und gesellschaftlichen Druck im eigenen Land erzeugen würde – oder, dass es gar politisch verhindert werden könnte? Alles Indikatoren, dass sogar die Menschen, die zu solchen Mitteln greifen, dem Medienstandort Österreich kein besonderes Vertrauen schenken.

Keine kollegiale Unterstützung für Christoph Dichand
Dem widerspricht aber auch eine ganz andere Realität – und zwar der Umstand, dass in diesem Video von einem Spitzenpolitiker auch ganz offen darüber gesprochen wird, wie man die größte österreichischen Tageszeitung unter die eigene Kontrolle bringen möchte und der Umstand, dass diese „50%“ Anteile tatsächlich gerade Ihren Besitzer wechseln. Dazu gehört auch, dass sich der Herausgeber und Chefredakteur Christoph Dichand mutig - und im Übrigen de facto alleine, ohne jeglichen Aufschrei oder Unterstützung von Journalistenkollegen - gegen seine sofortige Abberufung als Chefredakteur und Herausgeber wehrt.

Inhaltliche Kontrolle über Kronen Zeitung
Denn nach einem reinen Finanzdeal als Unternehmensbeteiligung an einem florierenden Unternehmen sieht das heute - leider - gar nicht mehr aus, vor allem nicht vor dem Hintergrund dieses „Ibiza-Videos“. Ein im Zuge einer Beteiligung stattfindende Auseinandersetzung über die Veränderung einer vertraglich festgelegten Gewinnausschüttung, wäre aus Sicht eines Investors sachlich nachvollziehbar. Auch für die meisten Bürger, Finanzinvestoren wollen vom ökonomischen Erfolg partizipieren. Der Wunsch nach sofortiger Abberufung des Herausgebers und Chefredakteurs zeigt jedoch den Wunsch nach Mitbestimmung bei der inhaltlichen Ausrichtung und das hat mit einem reinen Finanzgeschäft nichts zu tun. Dieser Wunsch ist irritierend und widerspricht dem Ansinnen, eine bestehende mediale Unabhängigkeit weiter aufrecht erhalten zu wollen.

Intransparente Interessenslage
Sehr irritierend vor diesem Hintergrund ist zudem, dass man den „Griff“ nach der Medienmacht durch einen Spitzenpolitiker - gefilmt vor 2 Jahren - heute klar und zu Recht von ALLEN Beobachtern als demokratiepolitisch unhaltbar bezeichnet. Und dennoch findet dieser „Griff“ ganz ohne vergleichbaren Aufschrei scheinbar gerade statt. Nur nicht durch einen Spitzenpolitiker, sondern durch eine Person oder Gruppe aus der Wirtschaft. Oder durch wen auch immer. Das „durch wen auch immer“ - also diese Intransparenz der Interessenlage stärkt mein Vertrauen in eine zukünftige Unabhängigkeit der Kronen Zeitung unter neuen Miteigentümern auch nicht.

Zwei Jahre altes Schnaps-Macht-Video spiegelt heutige Realität
Das Video und sein Inhalt sind deshalb so irritierend für mich, als vieles was hier in offenbar feuchtfröhlich enthemmter Macht-Schnaps-Laune mitgeschnitten wurde, auf die eine oder andere Weise tatsächlich gerade zu geschehen scheint. Nur eben nicht durch die gefilmten Personen. Ob unglücklicher Zufall oder natürlicher Lauf der auch völlig „sauberen“ Geschichte ist hier egal, denn die parallele Entwicklung der Realität verglichen mit einem 2 Jahre alten Schnaps-Video ist sehr irritierend und erinnert irgendwie ein bisschen an den Film „Wag the dog“ aus 1997.

Zerstörtes Vertrauen nur schwer wieder herstellbar
Die emotionale Optik in der Öffentlichkeit ist dadurch ganz massiv gestört und das schadet sowohl der Politik wie auch den Medien, auf deren objektive politische Berichterstattung wir ja - bis vor einiger Zeit jedenfalls noch - vertrauen konnten. Vertrauen ist das höchste Gut. Ist es einmal verspielt, ist es kaum mehr herzustellen. Diese ganze „Ibiza-Video-Affaire“ hat größere Breitenwirkung als man vielleicht vermutet. Wenn ich also im Herbst guten Gewissens zur Wahl gehen möchte und meine Stimme für Personen oder Parteien abgeben möchte, dann möchte ich das bitte mit einem GEFÜHL tun können, zu diesem Zeitpunkt nicht hinters Licht geführt zu werden.

Rasche und lückenlose Aufklärung aller Video-Umstände
Ich möchte meiner Bürgerpflicht zu Wählen mit einem Gefühl nachkommen können, nicht dummes, manipuliertes Stimmvieh zu sein. Auch wenn ich es möglicherweise dennoch sein werde.
Aber sich die Mühe zu machen, mir zumindest das GEFÜHL zu geben es nicht zu sein, das verlange ich tatsächlich! Ich betrachte es als Mindestmaß an Anstrengung und Respekt. Um mir dieses Gefühl als Wähler geben zu können, ist nun eine rasche und lückenlose Veröffentlichung des gesamten Rohmaterials dieser Ibiza-Video-Session unabdingbar. Dazu erwarte ich mir als Bürger von ALLEN Medien dieses Landes größte und transparenteste und schonungsloseste journalistische Aufarbeitung dieses Materials und aller dazugehörigen Hintergründe. Und das verlange ich auch von den Medien, die aktuell im Besitz aller diesbezüglicher Unterlagen sind. Egal, welche Unappetitlichkeiten hier noch ans Tageslicht kommen mögen.

Mein Recht als Bürger
Denn ob und wem ich als Wähler „moralisch verzeihen“ kann und will, ist kein Diktat, sondern mein Recht als Bürger. Wenn nun auch nur 1 Sekunde des Materials „unter Verschluss“ gerät oder bleibt, wird mein Vertrauen in Medien, in jegliche Politik und vor allem in die Integrität und moralische Vertrauenswürdigkeit beider Institutionen zumindest auf lange Zeit völlig zerstört sein. Daher bitte ich inständig darum, mir als Bürger, Demokrat, Wähler dieses Vertrauen zu ermöglichen - damit ich guten Gewissens im Herbst meine Wahl treffen kann. Ich bedanke mich schon jetzt bei allen politischen Gruppierungen und engagierten Personen und bei allen Medien, dass man mir diesen Wunsch erfüllt. Noch vertraue ich fest darauf, dass alle Menschen in unserem Land über ausreichend Moral verfügen jetzt zu zeigen, dass alle Werte, für die wir hier allesamt eintreten, tatsächlich auch gelebt werden und existieren und verteidigt werden.

Roland Ernst Nikitsch ist seit vielen Jahren Unternehmer. Davor war er u.a. leitender Mitarbeiter bei ORF, ORF-Teletext und orf.at.

Roland Ernst Nikitsch, Economy Ausgabe Webartikel, 20.05.2019