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12. November 2018

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„Es gibt hier noch unendlich viel zu lernen.“

„Es gibt hier noch unendlich viel zu lernen.“

Sylvia Eckermann beschäftigt sich künstlerisch seit Mitte der 1980er Jahre mit digitalen Räumen und multimedialen wie interaktiven Ausdrucksformen. Von Beginn weg orientiert sie sich dabei auch an globalen Entwicklungen. 2014 gewinnt sie als erste Künstlerin den neu geschaffen Medienkunstpreis der Stadt Wien und 2018 wurde sie mit dem Österreichischen Staatspreis für Medienkunst ausgezeichnet.

(Christian Czaak) Anlässlich des Besuchs ihrer aktuellen Kunstserie „The Future of Demonstration“ (siehe gesonderte Berichte) sprach economy mit der Künstlerin über die Initialzündung für die künstlerische Beschäftigung mit den Neuen Medien, über Medienkunst als klassische Kunstform und über aktuelle politische Rahmenbedingungen.

Economy: Was war die Initialzündung für die frühe Auseinandersetzung mit den neuen Medien aus künstlerischer Sicht?
Sylvia Eckermann: Ich gehöre zur Generation “Pre-Photoshop”, und da hat man Ende der 1980-iger Jahre nicht viel Relevantes gefunden, weder auf der Universität für Angewandte Kunst noch auf der Akademie mit ihren Phantastischen Realisten. Und Informatik auf der TU wollte ich nicht studieren.
Ich bin daher Autodidaktin, die bei Gangart Mitte der 1980er Jahre begonnen hat und Ende der 80er von dort direkt in die Medienkunst gewechselt ist.

Wie entstand dann der künstlerische Konnex mit Technologie?
Interesse und Beschäftigung mit den digitalen Medien, mit Medienkunst ging einher mit der Vision, dass sich durch neue digitale Technologien die Gesellschaft weiterentwickeln würde.
Und zwar hin zu einer demokratischen, offenen, diversen Gesellschaft, wo durch das Internet Grenzen, Herkunft, Geschlecht und Alter keine Rolle mehr spielen würden.

Ist Medienkunst eine klassische Kunstform?
Mich hat Medienkunst als Kunstform interessiert, weil sie von Anfang an mehr mit Forschung und Experimentieren zu tun hatte als mit jener Selbstreferenzierung, die in der klassischen Kunst sonst doch sehr typisch ist und die jenseits der Regeln des Kunstmarktes eine Existenz behauptet.

Damit betonst Du auch das Gemeinsame ...
... es geht hier um Kunst, die das “Künstlergenie” des Einzelkünstlers hinterfragt und andere Modelle der Zusammenarbeit etabliert.
Und somit zeigt, dass ein Werk durch die gemeinsamen Kompetenzen vieler entsteht.
Das Format für “The Future of Demonstration” das Gerald Nestler und ich entworfen haben und mit zahlreichen Experten vieler unterschiedlicher Disziplinen gemeinsam umsetzen, setzt direkt daran an. Es gibt in dieser Richtung noch unendlich viel zu lernen.

Wie siehst Du die aktuellen Rahmenbedingungen für die Kunst?
Wenn die Stadt Wien die Medienkunst als obsolet befundenen Begriff aufhebt und das Bundeskanzleramt Interdisziplinarität als unnötig ansieht und diese Förderschiene einstellt - dann wird die Zukunft ausschließlich von Konzernen bestimmt und Politik dreht die Gesellschaft revisionistisch in eine Zeit zurück, bevor individuelle und kollektive Freiheiten erstritten worden waren.

Der künstlerische Werdegang von Sylvia Eckermann
Anfangs beinhaltete das Wirken von Sylvia „Sil“ Eckermann (56) rein der Virtuellen Raum mit Installationen und Performances wie etwa fluID – Arena of Identities (Kulturhauptstadt Graz, 2003 und Forum Ludwig, 2005/2006), Expositur – a Virtual Knowledge Space (KIASMA Museum of Contemporary Art Helsinki, 2003) oder „Im neunten Himmel“ (Permanente Installation Kunstmeile Krems, 2008/2009).
In weiterer Folge interessiert sie dann zunehmend die Schnittstelle zwischen virtuellen und realen Räumen, es folgten Projekte wie etwa „Spiegelzellen“ (Ars Electronica bzw. Linzer Landesgalerie, 2007), „The Trend is your Friend“ (Kunsthaus Graz, 2009) oder „Naked Eye“, wo 2010 im Wiener Kunstraum Bernsteiner das Ephemere des Lichts an das reale Objekt gebunden und „Ausstellung“ als Dispositiv untersucht wurde.

Kritische Auseinandersetzungen mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen
Mit Beginn der 2010er Jahre treten dann immer mehr kritische Auseinandersetzungen mit (digital bedingten) gesellschaftspolitischen Entwicklungen in den Vordergrund und 2012 setzt Eckermann beim Wiener Festival for Digital Art and Culture die Lichtinstallation „Crystal Math“ um. Mittels eines aus vielen tausenden Metern Nylondrahts geknüpften Netzes als Projektionsfläche und „expressives Sprachnetz“ stellt sie dabei die Transformation und Ablöse der Finanzmärkte von Menschen hin zu Algorithmen dar.
Sylvia Eckermann gilt als Pionierin moderner Medienkunst und dazu gehören sehr früh auch digitale Spielmaschinen und die künstlerische Auseinandersetzung in Form von Installationen verschiedener Spielkünste, etwa bei der ISEA-Schau im Londoner Millenium Dome. Zwischen 1987 und 2018 folgen zahlreiche internationale Arbeits- und Ausstellungsstipendien, darunter etwa und chronologisch Italien, Japan, Kanada, England, China, Brasilien oder zuletzt die USA (2016/2017).

Erste Preisträgerin für Medienkunst der Stadt Wien 2014 und Gewinnerin Staatspreis Medienkunst 2018
2014 erhält sie als erste Künstlerin den neu geschaffenen Preis für Medienkunst der Stadt Wien, 2018 wird sie mit dem Österreichischen Staatspreis für Medienkunst ausgezeichnet – ein Preis der auch international etablierten KünstlerInnen für ihr Gesamtwerk verliehen wird und den vor ihr Peter Weibel (2017) oder Dorit Margreiter (2016) erhalten haben.
Das aktuelle Projekt in Form der Kunstserie „The Future of Demonstration widmet sich „den Umbrüchen, die wir heute auf ökologischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene erleben, und spürt dafür den ästhetischen, politischen, technologischen und pädagogischen Gestaltungsvermögen nach, die der Begriff Demonstration bietet“, erläutert Sylvia Eckermann ergänzend. Siehe dazu auch die nebenstehenden Berichte „Transmediale Kunst als Zukunft der Demonstration“ und „Making the Black Box Speak“.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 02.11.2018