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19. Januar 2021

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Österreich verbündet sich mit dem US-Konzern Microsoft

Österreich verbündet sich mit dem US-Konzern Microsoft© BKA/Andy Wenzel

Kanzler mit Wirtschaftsministerin und Amerikaner kündigen neue Digital-Initiative an. Eigene Zentren sollen Unis, AMS, WKÖ, Industrie und Datenschutz-NGOs auch beim Thema Sicherheit vernetzen. Österreichische IT-Dienstleister und Uni-Vertreter äußern inoffiziell massive Kritik.

(Christian Czaak) Microsoft hat ein neues Engagement für Innovation und Wachstum in Österreich angekündigt und das betrifft primär die Errichtung von eigenen (sic) Rechenzentrumsregionen, bestehend aus jeweils mindestens drei neuen Rechenzentren je Region. „Start ist in der Ostregion, die genauen Standorte und Details zur Ausführung werden aus Sicherheitsgründen nicht bekannt gegeben“, so Microsoft-Sprecher Thomas Lutz zu economy. Über die Rechenzentren sollen Unternehmen und dem öffentlichen Sektor eigene Cloud-, Daten- und Security-Lösungen angeboten werden. „Es ist das größte Investment von Microsoft in Österreich seit Gründung der Niederlassung vor 30 Jahren“, betont Lutz.

Vorstellung im Bundeskanzleramt
Die neue Initiative wurde gemeinsam von Bundeskanzler Sebastian Kurz und Margarete Schramböck, BMin für Digitalisierung und Wirtschaft sowie Dorothee Ritz, General Managerin von Microsoft Österreich und Brad Smith, Präsident & Vorstand Recht von Microsoft (via Video), im Bundeskanzleramt vorgestellt. Der US-Konzern kündigte zudem Qualifizierungsmaßnahmen von Privatpersonen gemeinsam mit dem AMS an, ein eigenes Schulungsprogramm für IT-Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes und ein neues Center of Digital Excellence.

Gemeinsame Gründung eines Digital-Centers zur Vernetzung anderer Steak-Holder
„Essentieller Teil des Center of Digital Excellence ist ein Cybersicherheitsverbund der technischen und naturwissenschaftlichen Universitäten Österreichs. Das Netzwerk wird vom BM für Digitalisierung und Wirtschaft und Microsoft gegründet und inkludiert auch Wirtschaftskammer, Industrie und Datenschutzorganisationen. Aufgabe sind nationale IT-Sicherheitsanforderungen im Kontext mit cloudbasierten IT-Architekturen“, so Microsoft in einer begleitenden Presseaussendung.

„Vernetzung“ und Statements von IV und WKÖ verschwinden aus Presse-Archiv
In einer ersten Aussendung, exakter formuliert. In der aktuellen Version im APA-Archiv fehlt nun dieser Cybersicherheitsverbund und die Einbindung Österreichischer Universitäten, Wirtschaftskammer und Industrie. Auch die separat versandten Presseaussendungen von Industriellenvereinigung (IV) und Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), wo IV-Generalsekretär Christoph Neumayer und WKÖ-Vizepräsidentin Marina Kühnel ihrer Freude über das Microsoft-Engagement Ausdruck geben, sind dort nicht mehr zu finden.

Massive Kritik anderer Österreichischer IT-Dienstleister
Hintergrund für dieses veränderte Kommunikationsverhalten könnte Unverständnis und teilweise massive Kritik Österreichischer IT-Dienstleister (und Mitglieder von IV und Kammer) sowie Univertreter sein. Diese Kritik wird allerdings nur inoffiziell geäußert, offiziell gibt es „keinen Kommentar“. Economy hat mit mehreren Österreichischen IT-Dienstleistern und Rechenzentrumsbetreibern gesprochen. Einige davon sind auch Geschäftspartner von Microsoft und einige davon haben den Bund als Miteigentümer und/oder Bundeseinrichtungen als Kunden.

„Fragen’s die Frau Schramböck!“
Grundsätzlich loben die Reaktionen einmal übereinstimmend „das Engagement von Microsoft als Auszeichnung für den Wirtschaftsstandort Österreich“. Dann kommt allerdings sofort und übereinstimmende Kritik: „Es gibt genügend eigene vorhandene Rechenzentrums-Ressourcen und Expertise zu Cloud-Themen und dazu auch die Sicherheit, dass die Daten in Österreich bleiben“ (Anm. s. Chronologie Safe Harbor Abkommen und US Patriots Act). Ein Vertreter eines großen Österreichischen Telekom-Konzerns beendet das Gespräch überhaupt gleich mit: "Fragen’s die Frau Schramböck! Wir wollen uns zu dieser Causa offiziell nicht äußern."

Unverständnis auch über Verpflichtung anderer Institutionen
Unverständnis herrscht insbesondere darüber, dass, vom Bundeskanzler im Kanzleramt entriert, ein Österreichisches Ministerium gemeinsam mit einem amerikanischen IT-Konzern als Gründungspartner auftritt und dann sozusagen weitere Österreichische Institutionen wie Universitäten und Arbeitsmarktservice und Wirtschaftskammer und (nicht näher genannte) Datenschutzorganisationen zur Einbindung verpflichtet.

Genaue Rolle der Partner wird erst später kommuniziert
Economy hat Microsoft dazu gesondert befragt und nochmals die Bestätigung über die „gemeinsame Gründung von BM für Digitalisierung und Wirtschaft und Microsoft“ erhalten. Über die genaue Rolle der weiteren Partner will man „erst zu einem späteren Zeitpunkt informieren.“ Zum Thema Datenschutz und -Speicherung verweist Microsoft im Kontext mit den neuen Rechenzentren gesondert auf „Unterstützung für Betriebe zur Einhaltung der DSGVO“ und „auf Hilfe für Betriebe zur Speicherung der Daten in Österreich.“

Vertreter der Universitäten und des industrienahen Forschungsbereiches
Die Vertreter der Universitäten und ebenso befragter universitärer Forschungs-Institutionen kritisieren im economy-Gespräch ebenfalls „die Nichtberücksichtigung eigener österreichischer Ressourcen“. Es sei „gerade bei den Themen Digitalisierung und Sicherheit große eigene Expertise vorhanden“ und das betreffe „auch und insbesondere den wirtschafts- und industrienahen Forschungsbereich“. Hinterfragt werden auch die Themen Ökonomie und Ökologie im Kontext mit den geplanten Neuerrichtungen der Rechenzentren. Microsoft verweist dazu auf 2025, wo alle Rechenzentren auf erneuerbare Energien umgestellt sein sollen und auf seine Verpflichtung als Konzern, 2030 CO2-negativ zu sein.

Der Begriff „Doppelmoral“ im Kontext mit Amazon, Google und Facebook
Massive Kritik bis hin zum Begriff „Doppelmoral“ poppt dann nochmals beim Thema Standortentwicklung und nationale Wertschöpfung auf. „Im Medienbereich kritisieren und bekämpfen wir die dominante und existenzbedrohliche Rolle amerikanischer Konzerne wie Google und Facebook auch steuertechnisch, im stationären Handel die von Amazon – und beim wirtschaftspolitisch und branchenübergreifend immens wichtigen Thema Digitalisierung legen wir uns dann mit Microsoft ins Bett“, so die Sichtweise der Uni-Professoren und IT-Forschungsmanager.

Brad Smith sieht Wachstum und für Kanzler Kurz profitieren heimische Unternehmen
Die Sichtweise von Microsoft-Präsident Brad Smith lautet wiederum: „Es ist eine Chance, die Technologie nach Österreich zu bringen, die Unternehmen und Regierungsbehörden benötigen, um Wachstum zu fördern und neue digitale Fähigkeiten zu erwerben.“ Und schließlich Bundeskanzler Sebastian Kurz: „Ich danke Microsoft für sein Engagement für unser Land, insbesondere für die heimischen Unternehmen und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die davon profitieren werden.“

Für economy bleibt dann nur mehr: To be continued – wir bleiben sozusagen am digitalen Standortball und werden über die weiteren Entwicklungen wie auch über die begleitenden Sichtweisen der Österreichischen IT- und digitalen FE-Szene berichten.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 30.10.2020