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23. September 2019

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Sehenden Auges in den Niedergang

Sehenden Auges in den Niedergang© Bilderbox.com

Fast 70 Prozent der heimischen Betriebe haben und planen keine Digitalstrategie. Gleichzeitig erkennen 84 Prozent entsprechende Markterfordernisse. Größte Schwächen bei Digitalisierung von Prozessen und Strukturen, so relevante Ergebnisse der aktuellen KSV-Umfrage „Austrian Business Check“.

(red/czaak) 68 Prozent der österreichischen Unternehmen haben aktuell keine digitale Agenda verankert und planen das auch nicht. 84 Prozent erkennen jedoch parallel, dass die digitale Transformation den eigenen Markt verändert. Am deutlichsten sind die Auswirkungen anhand eines beschleunigten Wettbewerbes (69 Prozent), veränderten Kundenerwartungen (66) und neuen Vertriebskanälen im Markt (53) spürbar.

Befragt nach der größten Schwäche nennen die Unternehmen die Digitalisierung von Produkten oder/und Prozessen/Services (27), gefolgt von mangelhaften Strukturen (24) und fehlenden neuen Geschäftsfeldern (23). Das Thema Digitalisierung schafft es entsprechend nicht in das Ranking der Top 5-Stärken des Wirtschaftsstandortes Österreich.

Zu zögerlich trotz selbst erkannter Verbesserung
Der Megatrend der Digitalisierung ist in Österreich immer noch nicht ganz angekommen. 72 Prozent der Unternehmen bewerten den Wirtschaftsstandort Österreich trotzdem mit sehr gut oder gut. „Wenn die Digitalisierung als Erfolgsfaktor für unsere Wirtschaft weiter vernachlässigt wird, dann wird Österreich auch international an Attraktivität einbüßen“, erklärt Ricardo-José Vybiral, CEO des KSV1870.

„Die Betriebe sind bei der Digitalisierung zu zögerlich oder sie vergessen darauf“, so der KSV-Boss weiter.“ Die Umfrageergebnisse überraschen, da auch drei von vier Firmen (77 Prozent) eigenen Angaben zufolge bereits über eine Digitalstrategie verfügen und sogar positive Auswirkungen auf ihre Finanzen erkennen – rund ein Viertel davon sogar massive.

Kundenservice größte Stärke des Standortes
Aktuell setzen heimische Betriebe vor allem auf einen guten Service und eine hohe Kundenzufriedenheit (79 Prozent), einen modernen Führungsstil (44) und flexible Arbeitsbedingungen (32). Befragt nach den größten Handlungsfeldern nennen die Unternehmen einen zu geringen Digitalisierungsgrad. Der größte Handlungsbedarf liegt dann auch entsprechend bei der Implementierung digitaler Produkte/Prozesse/Services (27), gefolgt von klaren internen Strukturen (24 Prozent).

Vor allem in Kärnten (61 Prozent) und Wien (46) haben kleine und mittelständische Firmen den nötigen digitalen Aufholbedarf ebenso wie Industriebetriebe (48) erkannt. Ein relevanter Bereich für die Betriebe ist auch die Entwicklung neuer Geschäftsfelder: 23 Prozent sehen darin aktuell die drittgrößte Schwäche. In Salzburg plant jedes zweite Unternehmen (54 Prozent) seine Geschäftsfelder zu erweitern.

Starker Wettbewerb als größte Gefahr
Laut der Austrian Business Check-Umfrage des KSV (Anm. Basis sind 24.000 KSV_Mitgliedsbetriebe) birgt für die Unternehmen ein verstärkter Mitbewerb (43 Prozent) das größte Gefahrenpotenzial. Auch der akute Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften (40) sorgt neben der Abhängigkeit von einzelnen Großkunden (30) für Unsicherheit.

Viele Unternehmen wirken dem Fachkräftemangel mit umfassenden, internen Ausbildungsprogrammen entgegen. Im Vergleich werden überaltete Produkte und/oder Dienstleistungen ebenso wie der Brexit oder etwaige Zölle kaum als Risiken für das eigene Geschäft empfunden.

Der Wissensstandort Österreich
Die größten Chancen für einen attraktiveren Wirtschaftsstandort orten die Befragten bei der Senkung der Lohnnebenkosten (74 Prozent), der Vereinfachung politischer wie rechtlicher Rahmenbedingungen (70) und einer modernen Verwaltung (59). Zudem werden die verstärkte Fachkräfteausbildung (53) sowie die Förderung von Innovationen sowie Forschung und Entwicklung (48 Prozent) als notwendig eingestuft.

„Die Ausbildung von Fachkräften und die Entwicklung Österreichs hin zu einem Wissensstandort ist aus unserer Sicht eine große Chance für Österreichs Wirtschaft. Auch als Abgrenzung im internationalen Vergleich. Dafür ist wesentlich, dass sich das Ausbildungsangebot noch stärker als bisher am Bedarf der Wirtschaft orientiert“, unterstreicht Vybiral.

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Als weitere Gründe für fehlende digitale Innovation werden noch „nicht finanzierbar“ mit 17 Prozent und „Unternehmenstradition bremst digitale Projekte“ (16) angeführt. Für 9 Prozent der Betriebe scheitert es auch an einer fehlenden Vision. „Österreich kann zwar einige digitale Leuchtturm-Projekte vorweisen, trotzdem gibt es hierzulande keine ausgeprägte digitale Kultur“, ergänzt Ricardo-Jose Vybiral.

Bereits umsetzende Betriebe fokussieren derzeit auf das elektronische Bankgeschäft (71 Prozent), den elektronischen Amtsweg (50) und auf Marketing, u.a. Social Media (49). Digitale Produkte und Services mit 28 Prozent und die Entwicklung neuer Geschäftsfelder (14) befinden sich aktuell nicht im operativen Spitzenfeld und laufen unter primärer Planung. „Die Unternehmen setzen auf Altbewährtes und konzentrieren sich weiter auf Optimierungsprozesse. Österreichs Betriebe fehlt oftmals der Mut neue Wege zu beschreiten“, so Vybiral abschließend.
(Anmerkung der Redaktion: weitere Ergebnisse der aktuellen KSV-Umfrage siehe auch Bericht „Unternehmen verlängern Investmentstrategie“)

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 28.05.2019