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26. April 2019

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„Wir bündeln unsere jahrzehntelange Expertise.“

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(Video/Text) Qualitätsverbesserung und Kosteneffizienz erfordern in der medizinischen Leistungserbringung ständige Innovation. Welche Herausforderungen es dabei zu beachten gilt, erfuhr economy von Peter Lenz, Managing Director T-Systems Austria und Michael Krammer, Geschäftsführer Krammer ClinicConsulting.

Economy: Sie haben vergleichsweise früh begonnen sich mit technologischen Innovationen im Gesundheitswesen zu beschäftigen.
Was war Ausgangsbasis?

Michael Krammer: Ich wurde 1978 in dem Krankenhaus wo ich tätig war mit der Entwicklung eines Medikamenten- Bewirtschaftungssystems betraut.
Antrieb war dann, dass Technologie da noch wesentlich mehr leisten kann und so habe ich mit der Weiterentwicklung begonnen.

Wo setzen Sie bei Projekten im Normalfall an?
Krammer: Start ist immer Analyse und Evaluierung der vorhandenen Prozesse, die technologisch unterstützt werden können und davon wird ein Soll-Prozess für die weitere Umsetzung abgeleitet.

Auch T-Systems hat langjährige Expertise beim Thema Innovation im Gesundheitswesen. Welche Erfahrungswerte gibt es hier?
Peter Lenz: Wir beschäftigen uns seit über 40 Jahren mit klinischen Prozessen und IT-Systemen im Spitalswesen.
Umgerechnet sind das über 600 Personenjahre, die an Expertise in diesem Bereich aufgebaut wurden und die uns jetzt einen klaren Wettbewerbsvorteil geben.

Wo setzt man bei Projekten im Gesundheitswesen an?
Lenz: Primär einmal mittels klassischem Projektmanagement, da haben wir aus vielen anderen Großprojekten umfangreiche Erfahrung. Im klinischen Umfeld sind es dann entsprechend klinische und papierbasierende Prozesse, wo smarte IT-Unterstützung helfen kann die Dinge einfacher auf den Punkt zu bringen, den Patienten in den Vordergrund zu stellen.

Experten sehen im Krankenhausbereich viel Potential für Qualitätsverbesserungen und Kostenreduktion. Lassen sich diese an sich gegensätzlichen Themen unter einen Hut bringen?
Krammer: Ich sehe Potential für beides. Durch die IT haben wir bereits jetzt eine gewaltige Verbesserung der Dokumentation und der Behandlungsqualität. Es sind online bereits sofortige medizinische Qualitätschecks möglich, etwa bei der Medikamentenverordnung, wo sofort alle Interaktionen geprüft werden können.
Auch die Kostenseite lässt sich optimieren, etwa in der Vermeidung kostenintensiver Doppeluntersuchungen durch den sofortigen Informationszugang.

Ist der primäre Ansatzpunkt dann Geld und Kosten oder doch Qualität?
Lenz: Beides, primär aber ausgehend von der Anforderung, von Prozessverbesserung und Effizienzsteigerung und daraus dann abgeleitet ein Kostenvorteil.
Wir wollen die klinischen Prozesse, die in der Kette oftmals noch Systembrüche beinhalten zu einem großen Ganzen zusammen führen.
Wenn man hier den Patienten in den Vordergrund stellt, dann ist es fast mit einem CRM (Anm. Kundenbeziehungsmanagement) zu vergleichen. Man hat die gesamte Historie auf Knopfdruck zur Verfügung, kann die richtigen Schlüsse ziehen und dann gerade im klinischen Umfeld entsprechend risikominimierend einzugreifen.

Ein wichtiger Faktor im Krankenhaus ist das Pflegepersonal. Menschen, die nicht unbedingt gewohnt sind mit Technologien umzugehen. Ist das eine Herausforderung in der Praxis?
Krammer: Durchaus. Die Usability der Geräte und Programme für Ärzte und Pflegepersonal muss natürlich so ausgelegt sein, dass sie speziell und intuitiv auf die Arbeitsabläufe dieser Gruppen Bedacht nimmt und auch den Workflows gerecht werden.

Ein Krankenhaus ist von den Abteilungen, Mitarbeitern und Patienten bzw. Kunden mit einem Großbetrieb vergleichbar. Gelten bei Transformationsprozessen auch die gleichen Parameter?
Lenz: Sind zum Teil sehr ähnlich. Wenn man sich denkt, dass die Unternehmen vor Jahren begonnen haben ihre Prozesse mit ERP zu steuern, so findet das heute mit Krankenhaus-Informationssystemen (KIS) in ähnlicher Weise statt.
Mit dem Unterschied, dass hier im Umgang mit Patientendaten erhebliche Sicherheitsanforderungen zu berücksichtigen sind und das betrifft alle handelnden Personen im Bereich Medizin und Pflege, bis hin zur Administration.

Wie kann man sich die technische Infrastruktur in einem Spital vorstellen?
Krammer: Sie ist stark von Informationstechnologie geprägt, praktisch alles ist doppelt oder mehrfach ausgelegt. Ein Krankenhaus muss auch für mehrere Stunden agieren können, wenn etwa der Strom ausfällt oder die öffentlichen Datennetze nicht zur Verfügung stehen.
Eine große Herausforderung ist speziell das Zusammenspiel zwischen der generellen IT und der Medizintechnik.

Im Spitalsalltag geht es oftmals um sensible Daten und Informationen. Wie handhaben Sie die Themen Sicherheit und Verfügbarkeit sowie Datenschutz?
Lenz: Wir haben gerade in dem Umfeld eine große Expertise. Nicht zuletzt durch die neue EU-Verordnung haben wir eine solide Datenschutzbasis, die selbstverständlich in sämtlichen Systemen und Prozessen einzuhalten ist.
Da sind wir ganz klar auf der Seite des Patienten, des Nutzers und damit auch des Krankenhausträgers, weil wir uns hier absolut null Toleranz erlauben können.

Ein weiteres Thema Verfügbarkeit, etwa im heiklen OP-Bereich?
Krammer: 100 Prozent gibt es leider nicht, aber 99,9 Prozent und das ist auch der Level, der von uns verlangt wird und auch von uns einzuhalten ist. Entsprechend werden alle System redundant ausgelegt und in mehreren Stufen gesicherte Versorgung zur Verfügung gestellt.

Welche Maßnahmen werden zur Qualitätssicherung gefordert?
Krammer: Einmal eine Menge automatischer Tests bevor der Anwender damit in Berührung kommt. Darüber hinaus werden die Programme von entsprechend geschulten Personen aus dem Gesundheitsbereich auch noch manuell getestet.

T-Systems hat eigene KIS bereits an vielen Kliniken umgesetzt, was sind hier die kritischen Erfolgsfaktoren?
Lenz: Es geht los mit einer klassischen Anforderungsanalyse und mit dem großen Erfahrungsschatz unserer beiden Häuser holt man die, die diese Anforderungen haben auch entsprechend gut ab.
Dann geht es in die Umsetzung mit den ersten Prototypen, dann folgen die Roll-outs, immer mit einem sauberen Projektmanagement drüber.
Wenn es über viele Kliniken geht, dann führt das auch zu einer Standardisierung sämtlicher Prozesse aller Häuser und somit zu einer Vergleichbarkeit, die oft auch erwünscht ist.
Primär muss das Software mit speziellen Gütekriterien sein. Da gelten ganz spezielle Anforderungen mit niedrigsten Fehlerraten für die es auch eigene Levels gibt.
Das hat mit der Software, die wir so auf unseren Laptops haben nix zu tun. Das gilt zumindest der Faktor 100 dazu im Vergleich was sonst marktüblich gesehen wird.

Welchen Zeitrahmen kann man sich bei solchen Projekten vorstellen?
Krammer: Zwischen sechs und zwölf Monaten für die Implementierung und davor passiert aber noch die Analyse der Prozesse. Abhängig von Umfang und Durchdringungsgrad, kann das nochmals sechs bis neun Monate betragen.

Sie haben aktuell mit ELFI ein Projekt an einem Klinikum umgesetzt. Was kann man sich darunter vorstellen?
Krammer: Diese elektronische Fieberkurve beinhaltet in erster Linie all jene Komponenten, die bisher mehr oder weniger gut lesbar auf Papier dokumentiert und angeordnet wurden. Neben der Medikation sind das auch alle anderen Formen der ärztlichen Anordnungen.
Wenn also der Arzt bei der Visite bei einem Patienten drei mal täglich eine Blutdruckmessung anordnet, dann passiert das in der Fieberkurve mit einem Mausklick und das Pflegepersonal wird jeweils laufend an die Durchführung erinnert.
Mit der Eintragung der Werte, erkennt das System dann automatisch auch die Durchführung.

Der Einsatz mobiler Endgeräte nimmt auch in Spitälern zu. Was gibt es da bei Verfügbarkeit und Sicherheit zu beachten?
Lenz: Wie bei einer stationären Anlage, ist auch hier das Zugangsmanagement und das User-Management extrem wichtig und darunter ein gut konzeptioniertes Rechtesystem.
Und für die kleineren Oberflächen excellente User-Experience bzw. Usability, die dem Tätigkeitsbereich der Anwender optimal angepasst ist.
Das muss intuitiv auf der Oberfläche abgebildet sein, wie es wirklich dem klinischen Alltag entspricht und dann ist es auch eine echte Unterstützung und Mehrwert, auch im Sinne des Patienten.

Seit Anfang des Jahres bündeln Sie die jeweils individuell vorhandene Expertise zum Thema Innovation im Gesundheitswesen und arbeiten zusammen. Was war hier Ausgangsbasis?
Krammer: Wir sind zwar ein flexibles Unternehmen mit einem großen praktischen Erfahrungsschatz aber mit 35 Mitarbeitern sind wir zu klein für diesen komplexen und großen Markt. Wir haben nicht die Innovationskraft einer T-Systems etwa bei Qualitätssicherung und neuen Technologien.
Lenz: Wir bündeln unsere beidseits über Jahrzehnte aufgebaute Expertise. Bei Großprojekten und KIS-Systemen sind das Themenstellungen, die sich von fünf bis zu zehn Jahren hinziehen und das kann man dann mit der Power eines Großkonzerns entsprechend besser auf die Strasse bzw. in dem Fall ins Klinikum bringen.

In welche Richtungen geht die Weiterentwicklung bei KIS-Systemen?
Krammer: Wir haben nun eine klare Strategie entwickelt und da liegt die Innovationskraft von T-Systems auf Qualitätssicherung und auf neuen Technologien und das wollen wir mit unserer Flexibilität verbinden, um die Entwicklungen auf unserer Seite dann schneller und mit geringerem Aufwand durchführen.
Lenz: Um hier ein Beispiel zu nennen: Gerade in den Architekturen oder der Skalierbarkeit einer Anwendung gilt es Lösungen zu finden, die nicht nur in einer Handvoll Kliniken gut und performant funktioniert sondern idealerweise auch in zwanzig, dreißig oder vierzig Kliniken. Und da verbinden wir ab nun für unsere Kunden das Beste aus beiden Welten zu einem großen Ganzen.

Was sind erwähnenswerte Unterschiede, wenn Sie Krankenhäuser vor dreißig Jahren betrachten gegenüber heute?
Krammer: Ich erinnere mich, wir haben Patientenakten mit vier, fünf Durchschlägen mit Kohlepapier noch mit der Schreibmaschine erstellt und haben die dann manuell, noch auf dem Fußwege im Krankenhaus ausgeteilt an alle, die das Dokument gebraucht haben.
Oder, eine Ambulanzwarteschlange hat aus einem Stapel Papier bestanden, der in der Reihenfolge der Patientenerscheinung übereinander gelegt wurde und die Patienten der Reihe nach aufgerufen wurden.
Das sind alles Dinge, die heute vollelektronisch ablaufen.

Das war jetzt der Bereich Prozessmanagement, wie schaut das beim Thema Behandlung aus?
Lenz: Hier sehe ich die Zentrierung auf den Patienten, auf den Kunden sozusagen eines klinischen Prozesses. Hier wird derjenige, der ein Bedürfnis hat, in den Mittelpunkt gestellt und dann sehe ich zukünftig ganz stark den Bereich Telemedizin.
Es muss nicht mehr nötig sein, dass ich irgendwo hin geh, um mich behandeln zu lassen, es gibt immer bessere Lösungen, die sich ortsunabhängig über telemedizinische Produkte umsetzen lassen.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 11.12.2018