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12. November 2018

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Geringe Zahlungsmoral in Österreich

Geringe Zahlungsmoral in Österreich©Bilderbox.com

Trotz stabiler Wirtschaftslage werden Rechnungen nach wie vor nicht pünktlich bezahlt und das geht quer durch alle Kundengruppen. Größten Aufholbedarf hat der öffentliche Sektor. Hauptmotive für Zahlungsverzug sind die Ausnützung der Machtposition (Öffentliche Hand), Ineffizienz der Verwaltung (Firmenkunden) und Vergesslichkeit (Privatkunden).

Wie die Ergebnisse des vom KSV1870 durchgeführten Austrian Business Check zur Zahlungsmoral in Österreich zeigen, hat die Öffentliche Hand mit durchschnittlich 34 Tagen im Vergleich zu Firmen- (29 Tage) und Privatkunden (17 Tage) die längste Zahlungsdauer vorzuweisen. Bund und Länder nehmen dabei mit je 37 Tagen eine Spitzenposition ein. Alles vor dem Hintergrund, dass
71 Prozent der Befragten die derzeitige Wirtschaftslage als sehr gut oder gut einstufen.
„Mit dieser Zahlungsmoral werden nicht nur selbst festgesetzte Zahlungsziele gebrochen, sie sind zugleich ein schlechtes Vorbild“, so Ricardo-José Vybiral, Vorstand der KSV1870 Holding. Aufgrund der guten Wirtschaftslage seien unpünktliche Zahlungen nicht notwendig: „Ein nachlässiges Zahlungsverhalten ist bei der aktuell guten Konjunktur unverständlich. Zusätzlich wären die dadurch entstehenden Betreibungskosten auf Unternehmerseite vermeidbar“, ergänzt Vybiral.

Unternehmen versus Private
Im Bereich der Firmen halten sich im Schnitt 23 Prozent nicht an die vereinbarten Zahlungsfristen und bezahlen mit Verspätung. Firmenkunden begleichen ihre Rechnungen nach 29 Tagen. Am längsten müssen sich Unternehmen aus dem Bereich Textilwirtschaft/Schuhe/Leder/Felle/Pelze gedulden, hier dauert es 38 Tage, bis sie ihr Geld erhalten. Am schnellsten erfolgt die Zahlung in der Branche Land/Tiere/Forstwirtschaft mit 24 Tagen, gefolgt von den Versicherungen/Realitäten/unternehmensbezogene Dienstleistungen mit 25 Tagen. Quer durch alle Branchen lassen sich speziell große Unternehmen besonders viel Zeit.
„Hier sind interne Wege länger und die Verwaltung teilweise ineffizient organisiert ist“, erklärt Walter Koch, Geschäftsführer vom KSV1870 Forderungsmanagement. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahlungsmoral bei den Privaten unverändert. Im Schnitt dauert es 17 Tage, bis Rechnungen beglichen werden. Während die Zahlungsdauer im Bereich Verkehr/Nachrichtentransfer mit 24 Tagen am höchsten ist, müssen Firmen aus der Branche Textil/Schuhe/Leder/Felle nur sieben Tage auf ihr Geld warten. Damit liegen sie deutlich unter dem gesetzlich festgelegten Zahlungsziel.

Luft nach oben beim Forderungsmanagement
In Österreich werden jährlich zumindest 1,9 Mio. Rechnungen in der Höhe von 1,35 Mrd. Euro selbst nach versendeten Zahlungserinnerungen nicht bezahlt. Grund genug, sich mit seinen Schuldnern auseinanderzusetzen. Wie der aktuelle KSV-Check zeigt, müssen 60 Prozent der befragten Unternehmen bei bis zu fünf Prozent ihrer offenen Rechnungen Maßnahmen ergreifen. Rund ein Fünftel der nicht bezahlten Rechnungen wird dabei an externe Inkassoinstitute übergeben.
Im Vergleich zu früher sind Mahnspesen nicht mehr das Allheilmittel für pünktliche Zahlungen. Der Großteil (Firmen-/Privatkunden: 67 %, Öffentliche Hand: 86 %) ist bereits froh, wenn zumindest die Hauptforderung von den Schuldnern beglichen wird. Knapp 36 Prozent der Befragten verzichten für den Fall des Zahlungsverzuges von Firmen- oder Privatkunden von vornherein auf Zusatzkosten. Am öffentlichen Sektor sind es rund 44 Prozent.

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red/cc, Economy Ausgabe Webartikel, 17.09.2018