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23. Mai 2024

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„Noch nie war Schuldenmachen für Jugend einfacher“

„Noch nie war Schuldenmachen für Jugend einfacher“© pexels/julia m cameron

Trotz Integration in Lehrplan immer noch große Lücken beim Thema Finanzen. Jede/r fünfte Jugendliche ohne Überblick zu eigenen Finanzen, die Hälfte sieht sich auf eigene Zukunft nicht vorbereitet, so aktuelle Studie.

(red/czaak) Die Zahl der Privatinsolvenzen unter 24-Jähriger stieg im Jahr 2023 laut dem Alpenländischen Kreditorenverband um 22 Prozent. Jugendverschuldung und verantwortungsvolle Finanzplanung bilden zudem die Schwerpunkte der nationalen Finanzbildungsstrategie der nächsten beiden Jahre. Dass Österreichs Jugend selbst Handlungsbedarf in diesem Bereich sieht, zeigt nun eine aktuelle, repräsentative Jugendstudie des Sozialunternehmens YEP in Zusammenarbeit mit dem Erste Financial Life Park (FLiP), wo 1.800 Personen befragt wurden.

48 Prozent der befragten Jugendlichen geben an, sich „eher nicht“ oder „gar nicht“ beim Thema Geld und Finanzen auszukennen (Anm. 2021 waren es noh 60 Prozent). Deutliche Unterschiede zeigen sich bei den Geschlechtern, 56 Prozent der weiblichen Befragten fehlt es an Finanzwissen, bei den männlichen sind es mit 36 Prozent merklich weniger. Als Folgen werden attestiert, dass jede zweite weibliche Befragte (51 Prozent) fühlt sich vom Umgang mit Geld gestresst, während es bei den männlichen Befragten „nur“ rund jeder Dritter (29 Prozent) ist.

Fehlendes Wissen und Inflation sorgen für Zukunftsängste
Als Stressfaktoren im finanziellen Alltag nennen die Jugendlichen vorwiegend die Inflation und dass es ihnen schwerfalle Geld zu sparen. Thema sind aber auch Zukunftsängste wie sie sich ihr zukünftiges Leben leisten sollen. Erhoben wurden auch die Gründe: 51 Prozent der Jugendlichen in Österreich fühlen sich mit ihrer aktuellen finanziellen Bildung nicht auf die Zukunft vorbereitet. Während 57 Prozent der weiblichen Befragten sich nicht auf die Zukunft vorbereitet fühlen, sind es bei den männlichen Befragten mit 40 Prozent deutlich weniger.

„Sich frühzeitig mit dem Thema Finanzen auseinanderzusetzen, ist eine extrem gute Investition in die eigene Zukunft. Viele junge Menschen werden ins kalte Wasser geworfen, quasi ‚learning by doing‘, wenn es um die eigenen Finanzen geht. Das kann man sich aber im Umgang mit Geld wortwörtlich nicht leisten”, sagt Gerda Holzinger-Burgstaller, CEO der Erste Bank Oesterreich, im Rahmen der Vorstellung der Studie.

Verschuldung unter jungen Menschen stark angestiegen
Welche schwerwiegenden Folgen mangelndes finanzielles Wissen hat, zeigen aktuelle Zahlen aus der Insolvenzstatistik 2023 des Alpenländischen Kreditorenverband (AKV). In diesem Jahr befanden sich mit 22 Prozent mehr Personen unter 24 Jahren in Privatinsolvenz als noch im Jahr zuvor, bei weiblichen Betroffenen beträgt der Anstieg sogar 45 Prozent. Als primäre Ursache identifiziert der AKV Konsumschulden und die kommen vor allem aus dem Onlinebereich.

Ratenzahlung und Zahlungsverzug würden dazu führen, dass die jungen Menschen den Überblick über ihre Ausgaben verlieren würden. Die Ergebnisse der Jugendstudie unterstreichen das: Jede fünfte jugendliche Person in Österreich hat keine Übersicht, wie viel Geld sie im Monat ausgibt. Und 17 Prozent hatten schon einmal Sorgen, ausgeborgtes Geld nicht mehr zurückzahlen zu können.

Schulden machen unter Österreichs Jugend ist besorgniserregend
„Es ist besorgniserregend, wie verbreitet das Schulden machen unter Österreichs Jugend ist. Social-Media-Trends, wo mit der Höhe der offenen Rechnungen angegeben wird und die Tatsache, dass mittlerweile nahezu jeder Onlineshop eine Buy-Now-Pay-Later-Bezahllösung anbiete, würden die Lage zusätzlich verschärfen“, erläutert Philip List, Leiter des Erste Financial Life Park. „Noch nie war es so einfach Konsumschulden zu machen. Umso wichtiger ist es, den Jugendlichen die realen Folgen aufzuzeigen“, betont der Finanzexperte für die Jugend.

Aber auch Sucht sowie mangelndes Wissen und Erfahrung wären Faktoren, so der Experte. Für List können Eltern einen essenziellen Beitrag leisten, um den Jugendlichen kritisches Konsumdenken zu vermitteln: „Das Thema Geld zuhause pro-aktiv anzusprechen und selbst den richtigen Umgang vorzuleben ist ein wichtiger Teil der Erziehung.“ Allerdings geben 30 Prozent der befragten Jugendlichen an, zu Hause selten oder gar nicht über Geld zu sprechen.

Vielfältige Ursachen für Verschuldung und die wichtige Rolle der Schule
Laut der aktuellen YEP-Jugendstudie geben die Jugendlichen für die Verschuldung ihrer Altersgenossen „mangelnde Bildung“, „unzureichende Aufklärung“ oder „keine Ahnung von Finanzmanagement“ als Ursachen an. Schwierigkeiten bei der Übernahme von Eigenverantwortung, (Kauf)sucht oder die Neigung, „Konsumopfer“ zu werden, wären ebenfalls Gründe. Viele Jugendliche würden sich in Schulden stürzen, um unnötige Dinge zu kaufen und stets das „Neueste“ oder „Beste“ zu besitzen.

Damit soll auch ein bestimmtes Image aufrechterhalten oder andere beeindruckt werden. Gruppendruck in Freundeskreisen spiele hier eine große Rolle, ob Markenzwang oder kostspielige Freizeitaktivitäten mit ihren Freund:innen. Mehr zum Thema Finanzbildung lernen, würden die Jugendlichen in Österreich am liebsten in der Schule. Die Grundlagen dafür wurden mit der Integration von Finanzbildung in den Lehrplan geschaffen. „Der richtige Umgang mit den eigenen Finanzen muss zu einem Lifestylethema werden“, wünscht sich denn auch Holzinger-Burgstaller als wichtigen Schritt gegen eine Tabuisierung des Themas.

Finanzbildung ist einfacher als gedacht
Bei den Führungen und Schulungen im FLiP zum Thema Finanzbildung würden viele Jugendliche „immer noch an die Vermittlung von hochkomplexen Finanzmarktinhalten denken“, so List. „Es geht im FLiP nicht um den nächsten Börsenguru, sondern ein Gefühl zu bekommen und zu verstehen: Was sind fixe, was variable Kosten? Welche monatlichen Ausgaben kommen auf mich zu? Im FLiP vermitteln wir diese Themen auch in einer spielerischen Art“, skizziert Philip List, Leiter des Erste Financial Life Park.

Die Relevanz des Themas Finanzbildung zeige laut List auch die enorme Nachfrage, die trotz zweijähriger Pandemie-Unterbrechung seit der Eröffnung 2016, ungebrochen ist: „Wir durften mittlerweile über 120.000 Schüler:innen im FLiP begrüßen“, so der Leiter des Erste Financial Life Park (FLiP). Bei der Studie im Herbst 2023 haben exakt 1.879 Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren teilgenommen und in Fokusgruppen, Workshops und einer quantitativen Befragung, spannende Einblicke in ihre Bedürfnisse und Wünsche gegeben.

FLiP und Jugendliche gründen eigenen Jugendbeirat zum Thema Finanzen
Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit dem Erste Financial Life Park (FLiP) nach 2021 bereits das zweite Mal durchgeführt. Mehrere der befragten Jugendlichen bilden in den nächsten Jahren den FLiP Jugendbeirat. Die Ergebnisse des Jugendberichts fließen mit Hilfe des Beirats in die Konzeptionierung von neuen Angeboten des FLiP ein. „Jugendliche sind die Expert:innen ihrer Lebensrealität. Wir sollten Finanzwissen stärker fördern, um allen Kindern eine gerechte Chance auf einen fairen Start im Leben zu geben“, unterstreicht auch Rebekka Dober, Gründerin von YEP.

„Geld ist so ein wichtiges Thema, aber niemand möchte darüber sprechen. Es ist immer noch ein absolutes Tabu. Wie sollen Lehrer:innen Finanzbildungsunterricht geben, wenn sie nicht einmal selbst darüber sprechen?“, so ein Kommentar eines Jugendlichen, die auch die verstärkte Integration des Themas im Lehrplan fordern.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 06.02.2024