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28. Mai 2022

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„In zehn Jahren ist die Gletscherkappe verschwunden“

„In zehn Jahren ist die Gletscherkappe verschwunden“© OeAW

Gletscheranalysen von Forschern der Akademie der Wissenschaften finden bis zu 6000 Jahre alte Eisschichten, die immer schneller schmelzen. Der aktuelle Gletscherschwund ist auch historisch ein außergewöhnliches Ereignis.

(red/mich/cc) Die Gletscher in Österreich sind durch den Klimawandel unter starken Druck geraten. Selbst in großer Höhe schmelzen die Eiskappen ab. Der Gletscher auf der Weißseespitze an der Grenze zwischen Tirol und Südtirol liegt auf 3498 Meter Seehöhe und verliert im Schnitt derzeit 0,6 Meter Eis pro Jahr.

Diese Erkenntnis basiert auf der Analyse von Bohrkernen durch ForscherInnen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die damit 6000 Jahre in die Klimavergangenheit sehen können. Der aktuell beobachtbare starke Gletscherschwund ist auch historisch ein außergewöhnliches Ereignis.
 
40 Meter Eis verloren
“Insgesamt gibt es hier noch 10 Meter Eis, dessen unterste Schicht etwa 6000 Jahre alt ist. Durch den Vergleich mit historischen Aufzeichnungen und instrumentellen Messdaten, die in den Alpen bis 1770 zurückreichen, sehen wir derzeit einen deutlich höheren Masseverlust als der Schnitt der vergangenen 6000 Jahre”, sagt Andrea Fischer vom Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (OeAW).
 
Der Gletscher auf der Weißseespitze hat zwischen 1893 und 2018 rund 40 Meter Eis verloren, in etwa zehn Jahren wird die Eiskappe komplett verschwunden sein, so die Einschätzung der OeAW-Experten. Damit verlieren die Forscher auch eines der wichtigsten Archive für extreme Klimaereignisse. “Schmelzereignisse auf dieser Seehöhe waren in der Vergangenheit Einzelfälle. Heute verliert die Eiskappe jedes Jahr einen halben Meter. Winderosion im Winter und fehlende Sommerschneefälle sind weitere Ursachen”, erläutert Fischer.
 
Jahresringe im Eis
Die ForscherInnen ziehen ihre Erkenntnisse aus der Analyse von Bohrkernen aus dem Eis. “Ähnlich wie bei Jahresringen von Bäumen sieht man hier die hellen Schichten mit lufthaltigem Wintereis und dunkle Schichten mit Staub, Ruß und organischen Ablagerungen, die Schmelzereignisse im Sommer zeigen. Sehr dunkle Schichten weisen auf ungewöhnliche, mehrere Wochen lange Warmphasen hin”, erläutert Fischer.

Diese Klimadaten aus den Bohrkernen kombinieren die ForscherInnen mit Daten aus anderen Quellen. Die Gletscher zeigen dabei jedes Schmelzereignis und jede Schwankung der Niederschläge als eine Art Signal an und in Summe können die Daten dann Modelle für künftige Hochwasserereignisse stützen oder zu Sicherheitsfrage von alpinen Siedlungen beitragen.
 
Rettung der Archive
Das Forschungsteam der OeAW versucht derzeit möglichst viele Eisbohrkerne für künftige Analysen zu konservieren. Älteres organisches Material im Eis lässt sich mit der Radiokarbonmethode grob datieren, nicht aber für Zeiträume, wo parallel auch Wetteraufzeichnungen und Gletschermessdaten existieren. Neue quantentechnologische Methoden zur Datierung auch jüngerer Eisschichten (Anm. sogenannte Argon Trap Trace/ArTTA) bringen nun zunehmend genauere Daten.

“Wir versuchen, so viele Bohrkerne wie möglich zu retten, bevor die Eiskappen weg sind. Das ist allerdings eine große Herausforderung, weil die Zielregionen oft unzugänglich sind und die Entnahme viele Ressourcen benötigt. Die Mühe lohnt aber definitiv, weil wir aus den Analysen noch viel über das Klima lernen können”, unterstreicht Andrea Fischer vom Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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red/mich/cc, Economy Ausgabe Webartikel, 28.01.2022