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18. September 2018

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Das neue Verhältnis zwischen Mensch und Maschine

Das neue Verhältnis zwischen Mensch und Maschine© piqs.de/lisa spreckelmeyer

Eine aktuelle Studie zeigt, wo in Österreich für Industrie 4.0 ausgebildet wird und welche Kompetenzen die Wirtschaft braucht.

Digitalisierung sowie neue Ansätze der Informations-, Kommunikations- und Medientechnik verändern die Produktion und das Verhältnis von Menschen und Maschinen. Das Schlagwort dafür ist Industrie 4.0. Diese Entwicklung ändert auch den Anspruch an die Ausbildung. Eine Studie unter der Leitung der Fachhochschule St. Pölten (NOe) erhob nun einschlägige Bildungsangebote in Österreich, verglich dieses mit dem Bedarf der Unternehmen und leitete Empfehlungen ab. Drei Viertel aller Befragten aus Unternehmen erachten Digitalisierung als relevant für ihre Firma und dies ändert auch die Nachfrage der Industrie nach bestimmten Qualifikationen.

Erweiterte und alternative Kompetenzen 
75 Prozent der Befragten betrieblichen Experten gaben an, dass Industrie 4.0 für ihren Betrieb relevant ist. Lediglich vier Prozent sehen sich gar nicht betroffen. „Die betrieblichen Experten sehen Änderungen durch die Industrie 4.0 im gesamten Unternehmen bzw. entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Und sie nehmen Industrie 4.0 als Evolution, nicht als Revolution wahr“, erklärt Thomas Moser, Leiter des Projekts zur Studie sowie der Forschungsgruppe Digital Technologies der FH St. Pölten. Veränderungen ergeben sich laut Moser für alle Arbeitsprofile, also nicht nur für technische Berufe, bei denen etwa direkt mit Maschinen gearbeitet wird. „Doch obwohl viele Befragte Digitalisierung als wichtig für ihr Unternehmen erachten, sehen sie ihre Unternehmen beim Anwenden neuer Qualifikationen ‚on-the-job‘ erstaunlich wenig in der Verantwortung“, so Moser.
Mit Industrie 4.0 ändert sich die Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen. Sowohl Spezialisten- als auch das Generalistenwissen sind zukünftig von Relevanz. Einfache manuelle Tätigkeiten wie Hilfsarbeiten werden stark zurückgehen, da steigende Automatisierung höhere Qualifikationen der Mitarbeiter erfordern. Auch die Vernetzung von komplexen Systemen erfordere höhere Qualifikationen und reduziere den Bedarf an gering qualifizierten Mitarbeitern. Einen Unterschied gibt es zwischen Großbetrieben und Mittelstand: Großunternehmen priorisieren stärker einzelne, spezielle Kompetenzen und Fähigkeiten, mittelständische Unternehmen eher ein breites Anforderungsprofil.
 
Übersicht und Empfehlungen
Die Studie hat für den tertiären Sektor, Schulen, Lehre und betriebliche Weiterbildung Angebote erhoben, die relevant für die Industrie 4.0 sind. Von insgesamt 34 Universitäten in Österreich bieten zehn industrie-4.0-relevante Studienprogramme an. Mit 53 Prozent wird mehr als die Hälfte der entsprechenden Studien in Wien und Graz angeboten. Von den insgesamt 21 Fachhochschulen bieten 15 Fachhochschulen industrie-4.0-relevante Studiengänge an. Das größte Angebot findet sich hier in Oberösterreich.
Die Studie schlägt auch Maßnahmen für Bildungseinrichtungen vor: So sollen etwa Interdisziplinarität, lebenslanges Lernen, einfachere Übergänge, Durchlässigkeit, fachbereichsübergreifende Wissensvermittlung, Fremdsprachen und interkulturelle Kompetenzen gefördert werden. „Absolventen sollen flexibel auf komplexe Gegebenheiten reagieren können und lernen, in inter- und intraorganisatorischen Teams zu arbeiten. Dazu braucht es in der Ausbildung Kompetenzorientierung, innovatives Denken sowie neue Lernorte und Lernwege“, sagt Sebastian Fidler, Studien-Co-Autor vom Institut für Managementwissenschaften der TU Wien.
Entscheidend sei auch „Lernen zu lernen“, Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen zu intensivieren, Interesse an Technik bereits in der Schule zu wecken, IT-Basiskompetenzen zu fördern und „Industrie-4.0-Natives“ auszubilden. Auch ein Upgrade der Lehre empfiehlt die Studie und das Einbinden aktueller Themen und Entwicklungen in Lehrpläne. Die Gefahr des oft befürchteten Wegrationalisierens von Arbeitsplätzen durch die Industrie 4.0 besteht laut Moser nicht: „Technischer Fortschritt hat immer neue Arbeit geschaffen. Die Arbeit wird uns also auch im Zeitalter der Industrie 4.0 nicht ausgehen.“

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red/cc, Economy Ausgabe Webartikel, 16.02.2018