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19. April 2024

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Der größte Theaterskandal der Zweiten Republik

Der größte Theaterskandal der Zweiten Republik© pexels/niklas jeromin

„Heldenplatz“ von Thomas Bernhard wurde zu einem literarischen wie gesellschaftspolitischen Exempel in der Geschichte Österreichs. Forscher der Akademie der Wissenschaften rekonstruieren nun erstmals Details zur Werkgeschichte.

(red/czaak) Das Publikum applaudierte über eine halbe Stunde lang bei der Uraufführung von Thomas Bernhards Drama „Heldenplatz“ im Wiener Burgtheater. Bei diesem ausverkauften und unter Polizeischutz stattfinden Premierenabend im November 1988 mischten sich allerdings auch grölend Buhrufe in den frenetischen Beifall. Bereits in den Wochen davor gingen die Wogen in den heimischen Medien hoch. Passagen aus Bernhards Drama waren noch während der Proben verschiedenen Zeitungsredaktionen zugespielt worden.

„6,5 Millionen Debile“ titelte die Kronen Zeitung am 7. Oktober 1988. Der damalige Bundespräsident Kurt Waldheim, Vizekanzler Alois Mock (beide ÖVP) sowie FPÖ-Chef Jörg Haider wollten daraufhin das Theaterstück absetzen lassen. Man dürfe Bernhards „Österreichbeschimpfungen“ nicht noch durch Steuergelder subventionieren. „Heldenplatz“ handelt von den Hinterbliebenen des ehemals von den Nazis vertriebenen Mathematikprofessors Josef Schuster, der, aus dem englischen Exil nach Wien zurückgekehrt, sich aufgrund des unveränderten Antisemitismus das Leben nimmt.

Bis zur Premiere des Stücks, das im Auftrag des damaligen Burgtheaterdirektors Claus Peymann für das 100-Jahr-Jubiläum des Gebäudes an der Wiener Ringstrasse entstand, wurde darüber spekuliert, ob Bernhard den Text entschärft oder weiter zugespitzt haben könnte.

Hat Bernhard auf die Skandalisierung in seinem Stück reagiert?
Diese Fragen beantworten nun Literatur- und Textwissenschaftlerinnen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einer neu erschienenen digitalen Edition von „Heldenplatz“. Die Herausgeberinnen Konstanze Fliedl, Barbara Tumfart und Silvia Waltl beleuchten darin die im Nachlass überlieferte Entstehungsgeschichte. Einsehbar als Faksimile und Transkription sind diverse Textstufen von Entwürfen und Fragmenten über Typoskripte bis hin zu mehrfach vom Autor korrigierten Druckfahnen dokumentiert.

Diese Textträger zeigen, wie Bernhards Ideen in den typischen thematischen und syntaktischen Schleifen entwickelt wurden und sie belegen, dass er auf die Skandalisierung seines Dramas im Grunde nicht reagierte. Spätere Texteingriffe haben nichts mit seinem Rundumschlag gegen den österreichischen Faschismus, Katholizismus und Sozialismus zu tun.

Medienberichte und Kommentare von damals visuell dargestellt
Die am Austrian Center for Digital Humanities and Cultural Heritage der ÖAW erstellte Ausgabe präsentiert eine digitale Version der betreffenden Überlieferungsträger mit Transkription. Alle Texte sind per Volltextsuche durchsuchbar, außerdem bieten Register und Stellenkommentare zusätzliche Informationen zu Personen, Orten und Ereignissen. In einer Zeitleiste werden auch die zahlreichen und kontroversen Presseartikel bibliographisch erfasst.

„Damit sind neue Zugänge zum Text und zu seiner Wirkung gewonnen. Thomas Bernhards Drama kann so nicht nur als Schlüsseltext österreichischer Literaturhistorie, sondern auch als Dokument österreichischer Politik- und Gesellschaftsgeschichte gelesen werden“, so die ÖAW in einer Aussendung. Die Veröffentlichung von „Heldenplatz“ folgt der Publikation der historisch-kritischen digitalen Edition von Bernhards 1982 erschienener Erzählung „Wittgensteins Neffe“ Ende 2021 durch die ÖAW.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 06.02.2024